Internationaler Frühjahrslehrgang 2018

In der Bahn auf dem Weg nach Aachen versuche ich, die zurückliegende, etwas anstrengende Arbeitswoche hinter mir zu lassen und mich auf den kommenden Lehrgang einzustimmen. Was will ich dort? Habe ich besondere Erwartungen? Wie sich herausstellt, will mir weder eine einfache noch eine zufriedenstellende Antwort einfallen. Immerhin, denke ich, das heißt ja auch, dass ich somit möglicherweise offen für Neues bin. Und das gilt ja gemeinhin als gute Voraussetzung, etwas Neues anzunehmen – seien es Techniken oder innere Erkenntnisse.
Solchermaßen absichtslos gehe ich in das Training am Freitagabend – lockere Entspanntheit auf der ganzen Linie! Aber schon nach einer halben Stunde ist der schöne Schein hin. Als Sonsanim mich eine Übung für Yopchagi vormachen lässt, packt mich der drollige Ehrgeiz, mein Bein besonders hoch zu schwingen. Nach dem Motto ‚schaut mal, wie gelenkig ich noch bin‘. Mit dem Ergebnis: wo eben noch Entspanntheit war, ist im Handumdrehen eine schmerzhafte Muskelzerrung. Den schnell auftauchenden Gedanken ‚da kann ich ja morgen früh gleich wieder nach Hause fahren‘ schiebe ich aber erst mal beiseite. Jetzt habe ich immerhin ein Thema für die verbleibenden zwei Tage, nämlich  wie ich damit umgehe? Erst mal bringe ich mich von der phantasierten Überholspur auf die realistische Standspur, mache alle Bewegungen nur noch angedeutet und sehr verlangsamt mit. Und stelle fest, dass diese erzwungene Selbstbegrenzung ihren eigenen Reiz hat. In meiner Phantasie führe ich die knappen Bewegungen jeweils weiter, als ich sie tatsächlich körperlich ausführe, und kann ihnen so teilweise Klarheit oder Schönheit geben, die mir real wahrscheinlich nicht möglich wären. Ich frage mich allerdings auch, wieviel von dieser Art mentalen Übens nur virtuelle Spielerei ist, oder was sich davon in tatsächlich Gelerntes oder ‚besseres‘ Können umsetzt. Ich werde es weiter ausprobieren.
Eins ist mir aber gewiss, dieses Wochenende hat mich mal wieder eine Art Bescheidenheit und Bodenhaftung gelehrt, die sich angenehmerweise nicht wie Mangel anfühlt – eher wie eine Bereicherung. Und vermutlich – nein sicherlich - liegt das auch an der besonderen Art, wie Sonsanim Shinson Hapkido bzw. Do vermittelt und wir darin unsere ureigene Form suchen und finden können, und sogar müssen.
Gomjong Ddi* Stefan Sack, Dojang Berlin
- *Gomjong Ddi, weil ich schon einige Zeit ohne Lizenz unterwegs bin

Fotos von Vincent Kaperlat, Dojang Köln.

Frühlingsboten
Im Dojang findet man viele Details
zusammen.treffen.
Wach werden!
Freude an der Bewegung
Gymnastik
und Massage
Jahse
Pihagi/ Ausweichen
Fallen üben
Handhebel
Hebel am Boden
Kabbeln oder Kuscheln?
Pause am Abend

Kaltes Wetter und Herzenswärme

Ein Bericht von Hannah Morris, 7.Kup, Dojang Tübingen
In Aachen war es sehr kalt. Neben dem Kondenswasser, das sich an den Dojang-Fenstern sammelte und in meiner Phantasie zu kleinen, figurenhaften Eiskristallen formierte, schneite es auch tatsächlich. Die hoffentlich letzten Schneeflocken dieses Winters bedeckten schon vor Sonnenaufgang den schönen Backsteinhof. Doch im Innern war es Frühling geworden.
Bereits am Freitag reiste ein Großteil der insgesamt rund 100 Teilnehmer des diesjährigen Frühlingslehrgangs aus allen Himmelsrichtungen an. Es waren 22 Dojangs vertreten. Am Auftaktabend, dem Freitag, fand das 1.Kup-DanträgerInnen-Training statt, die Hinterbliebenen wurden durch die Innenstadt Aachens geführt und mit historisch Wissenswertem gefüttert.
Am Samstagmorgen schließlich begann der offizielle Teil des Lehrgangs, der sich durch Gemeinschafts-und Gürteltraining bis einschließlich Sonntagmittag abwechselnd gestaltete.
Das Jahr 2018 findet unter dem Motto „Il il il son“ statt, was so viel heißt wie „Jeden Tag etwas Gutes tun“ und steht unter dem Tierzeichen des Hundes. Der Hund vertritt die Charakteristika der Gerechtigkeit, der Kommunikation und des sozialen Miteinanders. Auch im Shin Son Hap Ki Do sind diese Eigenschaften erfahrbar und geben jedem die Möglichkeit diese zu erproben, vor allem aber zu erweitern.
Ein Lehrgang im Shin Son Hap Ki Do bietet immer die Chance mit sich in eine Art Selbstgespräch zu treten und Verschiedentliches im eigenen Innenleben zu erspüren und vielleicht auch zu hinterfragen. Dieses Mal habe ich mir die Fragen gestellt: Was also ist mir Gerechtigkeit und was bedeutet es eigentlich jeden Tag etwas Gutes zu tun? Was ist das Gute? Zunächst wirken all diese Begriffe so klar und eindeutig, aber sie wirklich zu verstehen scheint unmöglich, da sie dann als Begriffe Abstrakta bleiben und eigentlich unverständlich. Verständlich beziehungsweise schlüssig werden sie erst im eigenen Handeln. Das „Gute“ zeichnet sich durch einen warmen Austausch mit der Gemeinschaft aus. Manchmal reicht auch nur ein leises Lächeln und ein warmer Blick, der zu verstehen gibt: „Ich nehme dich wahr, auch unter einer Masse von 100 bis 150 Menschen.“ Das scheint mir auf Hap Ki Do-Lehrgängen das mitunter Beeindruckenste. Die Aufmerksamkeit und die daraus resultierende Sensibilität der Menschen untereinander und zueinander, die nicht einfach abreißt, sondern stetig wächst und in voller Konzentration bestehen bleibt. Das anfängliche „Selbstgespräch“ und die Fragen wie „was ist das Gute von dem hier gesprochen wird?“, sowie die eigene Selbstprüfung „was ist für mich gut und wo schaffe ich Gutes in mir und in meiner Um- Welt?“ verwandeln sich auf dem Lehrgang allmählich in Erfahrungen. Es tut gut ein schweißtreibendes Training miteinander zu teilen; den Trainingspartner verschwitzt nach einem Freikampf zu umarmen und sich zu bedanken; es tut gut sich in Vorsicht und Respekt vor dem eigenen Körper und dem des Anderen zu trainieren, um die Grenzen zu spüren und zu wahren. Vor allem aber ist es gut wach zu werden! Die Erde wacht auf, alles beginnt sich zu regen und die Lebensenergie wird allmählich wieder stärker.
Der Frühjahrslehrgang in Aachen bot daher die Gelegenheit den Geist, wie der Frühling suggeriert, wach zu machen, um das Gute vor allem zu erkennen. „Il il il son“ verweist also auch auf den unendlichen Kreislauf der Jahreszeiten und des ebenso unendlichen Gebens und Nehmens. Wir tun und geben Gutes, bekommen aber auch von der Natur Gutes zurück. In diesem Kreis ist die Weisheit verborgen, die dem Einzelnen manchmal so geheimnissvoll und magisch vorkommt. Und in der Tat: in der Heimlichkeit der Lücke, die sich dem verkopften, verstandesorientierten Menschen auftut und die oft so unverständlich wirkt, liegt das Geheimnis, das sich auf diesem ersten Lehrgang des Jahres 2018 mit unserem Kihap erfüllt hat – dem Frühjahrsschrei: Aufbruch in ein neues Jahr!