Danprüfung

Eine Danprüfung hat etwas von einer Initiation. Es geht beileibe nicht nur um Technik, auch die eigene Einstellung ist ein Thema. Dies bedeutet während der Vorbereitungszeit und in der Prüfung  sehr viel innere Arbeit. Der unlängst geprägte Begriff "3 Tage-harte-Freude-Reise" beschreibt diesen Prozess ganz gut.
Nachfolgend ein Bericht einer neuen Danträgerin über Ihr Erleben und wachsen.

Ein langer Weg zum 31. Ki

von Ulla Kaperlat, 31. Ki, Dojang Köln

Stationen auf der Schatzsuche

Mit den Schätzen meine ich die drei Schätze im Shinson Hapkido: Do, die fünf Lehrmethoden und die Menschen, die auch auf dem Weg sind.
Da liegt er nun, der schwarze Gürtel, mit meinem Namen und dem 31.Ki, ich hätte nicht gedacht, dass das für mich mal von Bedeutung ist.
Angefangen mit Shinson Hapkido habe ich im Frühjahr 1998 in Köln, da bin ich 36 Jahre alt. Kommend aus einer anderen Kampfkunst, deren Bewegungen ich liebte, deren autoritärer Stil für mich nach kurzer Zeit den Abschied bedeutete. Daran wollte ich mich nicht abarbeiten, ich wollte mich fließend bewegen lernen, mit netten Menschen trainieren. Eine Freundin machte gerade die Prüfung zum 7.Kup, ich dockte an.
Das erste Sommerlager in Eutin: Gemeinsam Namen der Tritte üben auf dem Weg zum See, mein Befremden über den Kölner Beitrag am Bunten Abend, Faszination über das Gemeinschafts(er)leben vieler hundert Menschen ohne Müllchaos, Moxibustion durch Sonsanim Ko Myong, da der Ischias mich lahmlegt...
Die erste Kupprüfung im Herbst 1998, von uns sechs Prüflingen bin ich die Einzige, die heute noch trainiert. Trainieren macht Spaß, beweglich und weich, ist streßig, konfrontierend, frustrierend – je nachdem, wie ich gerade unterwegs bin – ein Spiegel. Spätestens bei den Kupprüfungen holt mich die Bewertungsenge des Leistungsdenkens ein – beglückend, wenn es mir gelingt, dies im Laufe der Prüfung zu überwinden.
Pfingstlehrgänge, Sommerlager – in der Natur trainieren, auf die Angebote einlassen – immer wieder steht da Sonsanim und erzählt, dass die Sonne immer da ist, dass es die Fenster zur Seele zu putzen gilt, dass Shinson Hapkido eine Einladung sein kann, bei sich anzukommen und sich zugehörig zu fühlen. Immer wieder bin ich betroffen, im Alltag scheint mir das verloren gegangen.
Bei der Prüfung zum 6. Kup bin ich schon schwanger, ich weiss es erst eine Woche später. Die Hausgeburt unseres Sohnes ist  mein gefühlter erster "Kyogpa", ich empfehle seitdem Shinson Hapkido als Geburtsvorbereitung.
Immer wieder Auszeiten und immer wieder andocken, es fällt mir schwer in Zeiten, in denen ich nicht oder wenig trainiere, die innere Verbindung zu halten.
2009, "meine Entdeckung" der Segelreise als geniale Verbindung von Naturerleben und Bewegung. Mit dem ersten Training zerfließt das Eis – Shinson Hapkido verbindet Menschen, die sich nicht kennen, ganz einfach.
Irgendwann ist es ein Ziel, den Rotgurt zu tragen, um mit dem Jangbong-Training beginnen zu dürfen, der Jangbong macht Spaß und erweist sich als Spiegel der Asymmetrie. Ab rot- braun kommt von außen immer mal die Frage, ob die Danprüfung mein Ziel sei? Ich bin mir nicht sicher, mein Tempo ist anders, von Gürtel zu Gürtel, immer mit Staunen in der Identifikationsphase nach bestandener Prüfung, dass ich tatsächlich jetzt so weit gekommen bin. Meine Themen verändern sich, ich ringe um einen liebevollen Umgang mit körperlichen Grenzen, Schmerzen, Ängsten, dem Älterwerden. Oft geht es gar nicht um technisches Weiterkommen, sondern um Erdung, berufliche Themen und Training im Wechselspiel.
Training geben als neue Herausforderung, einspringen, ausprobieren, Sicherheit gewinnen, ich kann was zurückgeben und freue mich darüber.
Dann gehts doch ganz schnell: Noch beseelt von der Prüfung zum 1.Kup im Herbst 2016 ergreife ich die Chance, die Danprüfung gemeinsam mit 3 anderen in Köln und Umgebung vorbereiten zu können. Ich will was abschließen. Gemeinsam, alleine viel trainieren, lernen. Konfrontation mit Zweifeln, ob ich mir nicht doch zuviel zugemutet habe, warum tu ich mir das an, ich genüge meinen Ansprüchen nicht. Mut schöpfen in der Begegnung, aus der Beschäftigung mit der Theorie, einfach lesen im Buch "Bewegung für das Leben". Zusammenhänge werden deutlicher, das "innere Gebäude" von Shinson Hapkido klarer, ein inneres Kraftbild entsteht. Die Theorieprüfung kann ich für mich überraschend entspannt gestalten, ich bin beeindruckt von der Konzentration von 38 Menschen über bis zu 11 Stunden in einem Raum, schweigend und schreibend. Es ist dennoch keine Zeit der Erleuchtung, gestreßt nehme ich am Pfingstlehrgang teil, verletze mich durch Konzentrationsmangel und kann so die letzten zwei Wochen vor der praktischen Prüfung nur noch sanft und mental trainieren. Ich komme wieder mehr bei mir an.
Die praktische Prüfung: So viele Menschen nehmen sich Zeit und stellen ihre Aufmerksamkeit und Kraft zur Verfügung für die große Gruppe von Prüflingen vom 1.-4. Dan (42 insgesamt). Sonsanim und insgesamt 14 Sabomnim, die prüfen, 14 Bu-Sabomnim, die unterstützen und diverse leise HelferInnen, die im Hintergrund versorgen und sich geduldig unserem Rhythmus anpassen (die Suppe ist auch um 12 Uhr nachts noch warm- vielen Dank dafür!). Wir gehen alle zusammen durch diese drei Tage und "arbeiten" Freitag und Samstag bis tief in die Nacht.
Ich wär oft gern klarer, gelassener, Selbstverständliches scheint nicht mehr präsent, das Außen irritiert, alle Themen sagen "Hallo". Ich spüre die Stärke der Gemeinschaft, die Unterstützung "meiner" PrüferInnen und von Sonsanim. Ich bin wie ich jetzt bin, traue und zeige mich so gut ich kann und vertraue mich an – deshalb bin ich hier. Sonntagmorgen "erwischt" mich meine "Angsttechnik" – Kyogpa mit Dora Chagi. All meine Versuche im Vorfeld, mir Sicherheit zu geben, es nützt nichts, ich komm nicht an meine Kraft, ich traus mir nicht zu, mein Körper blockiert, ich kann all die unterstützenden Tips nicht umsetzen. Ganz laut "ich schaff das""- sagen (das kann so schwer sein), bewirkt wieder mehr Verbindung in mir. Mit der allerletzten Chance ist das Brett dann tatsächlich durch. Ich schaff das an diesem Morgen nur mit der Unterstützung von außen.
Zum Schluss wirds feierlich und nochmal berührend – die Prüflinge "verabschieden" sich jeweils mit der individuellen freien Form, bewegen sich, von der Anspannung befreit, meist von Musik begleitet – ich empfinde es als Geschenk, daran teilhaben zudürfen.
Nun habe ich Ki- Brüder und jüngere Schwestern – beides neu und ich freue mich über diese neue Verbundenheit.
Was ich ganz praktisch mitnehme, sind all die Anregungen zu Vertiefung und Wiederholung von Techniken. Weiter begleitet mich die häufiger gehörte Aufforderung an die Prüflinge "Lösen Sie das" (z.B. im Umgang mit Hindernissen und Nakbop) – ich möchte gern bewußter damit experimentieren.

Da liegt er nun, der schwarze Gürtel, mit meinem Namen und dem 31.Ki, ich hätte nicht gedacht, dass das für mich mal von Bedeutung ist.
Und die Schatzsuche? Die geht immer weiter.